#Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt
Vom 24. August bis 7. September 2026 haben wir in Kooperation mit der Stadt Darmstadt und profamila im Justus-Liebig-Haus das Projekt „#Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“ gezeigt. Im Mittelpunkt stand die Wanderausstellung „Was ich anhatte“. Sie macht die Erfahrungen von Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, anonym öffentlich. Kein voyeuristischer Blick auf die Tat, sondern eine vielschichtige Installation persönlicher Kleidungsstücke und Aussagen entschlossener Frauen. Die OMAS GEGEN RECHTS Darmstadt sind sehr glücklich darüber und stolz darauf, dass es uns gelungen ist, diese Ausstellung der Ausstellungsmacherin Beatrix Wilmes für Darmstadt zu gewinnen. Die Ausstellung wurde durch Vernissage, Filmvorführung, WenDo für Mädchen und Frauen, Lesung und Finissage ergänzt.
Viele Besucher:innen, Schulklassen und Unterstützer:innen haben diese zwei Wochen zu einem intensiven Ort der Begegnung, des Austauschs und der Auseinandersetzung gestaltet.
Sichtbar in der Stadt
Schon vor der Eröffnung haben alle Beteiligten intensiv für #Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt geworben – über unsere Website und Social Media, mit Plakaten und über die Netzwerke unserer Unterstützer:innen, in Straßenbahnen und Bussen. Eine besondere Bühne bekam das Projekt im Merck-Stadion am Böllenfalltor: Zehn große Plakate machten dort an einem Heimspiel auf die Ausstellung aufmerksam – mitten in einem Umfeld, in dem das Thema patriarchale Gewalt sonst eher selten sichtbar wird.
Zum Beitrag „Heute bei den Lilien“
Hinter dem Projekt standen viele Wochen Vorbereitung und sehr viel ehrenamtliche Arbeit. Von der Organisation und Öffentlichkeitsarbeit über die Betreuung der Ausstellung bis zu Veranstaltungen und vielen Gesprächen vor Ort wurde das Projekt von den OMAS GEGEN RECHTS Darmstadt gemeinsam getragen. Alle Frauen, die während der Ausstellung Aufsicht übernommen haben, wurden zuvor von pro familia in einer sehr hilfreichen und praxisnahen Schulung auf ihre Aufgabe vorbereitet. Besonders getragen wurde das Projekt durch die engagierte und verlässliche Zusammenarbeit aller Beteiligten. Viele unterschiedliche Aufgaben griffen gut ineinander – unkompliziert, effektiv und mit einem gemeinsamen Blick auf das Gelingen des Projekts.
Das Projekt in Zahlen
- 13 Tage geöffnet
- 10 beteiligte bzw. unterstützende Organisationen
- 35 OMAS GEGEN RECHTS als ständige Begleiterinnen des Projekts
- 1.155 Webseitenaufrufe
- 26.000 + Aufrufe auf Social Media
- 1.845 Besucherinnen
- 11 Schulklassen mit super engagierten Lehrer:innen
- 4 begleitende Veranstaltungen
- offene Führungen zu je 18 Personen
- Führung für das hessische Kultusministerium zum Thema Gewaltprävention
Starker Auftakt für #Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt
Mit 80 Gästen hatten die Veranstalterinnen – die Omas gegen Rechts Darmstadt, pro familia und das Frauenbüro der Wissenschaftsstadt Darmstadt – gerechnet. Es kamen mehr als doppelt so viele. Gut 180 Besucherinnen und Besucher füllten am Eröffnungsabend das Foyer des Justus-Liebig-Hauses – ein Andrang, der zeigt, wie sehr das Thema patriarchale Gewalt die Stadtgesellschaft bewegt. Los ging es mit einem Paukenschlag: Eine Tanzgruppe performte vor dem Eingang einen Flashmob, in dem junge Frauen und einige Männer unmissverständlich klarmachten, worum es an diesem Abend geht. „Es missbraucht uns der Staat, Schluss mit dem Patriarchat. Der Vergewaltiger bist du!“, skandierte die Gruppe – eine Anklage, die sich nicht gegen einzelne Täter richtete, sondern gegen ein System, das Gewalt gegen Frauen bis heute bagatellisiert.
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Kleidungsstücke erzählen Geschichten
Im Zentrum des Abends stand die Eröffnung der Wanderausstellung „Was ich anhatte…“. Ihr Konzept ist so schlicht wie eindringlich: An Drahtkleiderbügeln hängen Shirts, Nachthemden, Hosen, Röcke, eine Pfadfinderuniform – Kleidungsstücke, die zwölf Frauen und Mädchen sowie ein Junge bei sexualisierten Übergriffen, Nötigungen und Vergewaltigungen getragen haben oder die den originalen Stücken zum Verwechseln ähnlich sind. Vom Nachthemd einer 80-Jährigen bis zum Kleid eines sechsjährigen Mädchens spannt sich der Bogen. Auf Papierbahnen daneben schildern die Betroffenen in eigenen Worten, wie es zu der Tat kam. Die Botschaft ist unmissverständlich: Sexualisierte Gewalt lässt sich niemals mit der getragenen Kleidung erklären oder rechtfertigen. Welches Kleidungsstück eine Frau anhatte, ist für das Tatgeschehen irrelevant – und darf nie wieder zur Schuldfrage werden. Musikalisch begleitet wurde die Ausstellungseröffnung von einem Frauenduo, die „Quiet“ von Milck interpretierten- das Lied gilt als weltweite Hymne der #MeToo-Bewegung.
Grußworte: „Schluss mit dem Patriarchat!“
Es sei folgerichtig, dass die „Omas gegen Rechts“ auch die Initiative für die Ausstellung „Was ich anhatte“ initiiert hätten, sagte Darmstadts Bürgermeisterin Barbara Akdeniz in ihrem Grußwort zur Eröffnung: „Denn es geht gegen patriarchale Gewalt – und ich weiß, Rechte und Rechtsextreme lieben das Patriachat, deshalb gilt umso mehr: Schluss mit dem Patriachat.“ Zur vollständigen Rede von Barbara Akdeniz
Auch Dr. Eric Sparn-Wolf vom Paritätischen Hessen richtete deutliche Worte an die Gäste: Es seien tief verankerte, von klein auf eingeübte Muster, die Frauen sexualisierten und unterdrückten. „ Sexualisierte Gewalt ist die einzige Form von Körperverletzung, die überhaupt nur dann strafrechtlich verfolgt wird, wenn zuvor ausdrücklich „Nein“ gesagt wurde.“ Zur vollständigen Rede von Dr. Eric Sparn-Wolf
Im Anschluss führte Miriam Seel, Fachberaterin für sexualisierte Gewalt bei Pro Familia Darmstadt, die Gäste durch die Ausstellung. Viele zeigten sich betroffen – sexualisierte Gewalt ist ein Thema, bei dem gern weggeschaut wird. Der Projekttitel „Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“ stehe für Verantwortung und für die Bereitschaft, hinzusehen statt wegzusehen, zu widersprechen statt zu schweigen, sagte Darmstadts Bürgermeisterin Akdeniz:
„Das Projekt macht sichtbar, dass geschlechtsspezifische und patriarchale Gewalt uns alle betrifft und dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, ihr entschieden entgegenzutreten.“
Luchadoras – ein Film, der betroffen macht
Ein weiterer Höhepunkt unseres Projekts war die gut besuchte Vorführung des Dokumentarfilms „Luchadoras“. Der Film begleitet drei Wrestlerinnen in Ciudad Juárez und zeigt, wie selbstverständlich Gewalt zum Alltag vieler Frauen dort gehört.
Im anschließenden Filmgespräch ordnete Camilla López de Melo vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe die Hintergründe ein. Gemeinsam mit Moderatorin Andrea Hartmann und dem Publikum entwickelte sich eine intensive Diskussion über Gewalt gegen Frauen, gesellschaftliche Bedingungen und die Frage, wie Protest und Engagement heute gelingen können. Noch lange nach dem offiziellen Gespräch tauschten sich Besucher:innen vor dem Kino über ihre Eindrücke aus.
Zum ausführlichen Beitrag
Ein würdiger Abschluss
Mit einer Lesung der Berliner Familienrechtsanwältin Asha Hedayati endete unser Projekt „#Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“. In ihrem Buch „Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt“ beschreibt sie, wie wirtschaftliche Abhängigkeiten, Täter-Opfer-Umkehr und institutionelle Strukturen Gewalt gegen Frauen begünstigen und verstärken können. Die gut besuchte Lesung knüpfte damit unmittelbar an die zentralen Fragen unserer Ausstellung an.
Nach 13 Ausstellungstagen mit rund 1.800 Besucher:innen wurde bei der Finissage noch einmal deutlich, wie viele Menschen das Thema bewegt hatte. Gästebuch und Kommentarstele waren voller persönlicher Reaktionen, Gedanken und Botschaften. Möglich wurde das Projekt auch durch das Engagement von 35 ehrenamtlichen Frauen, die die Ausstellung über die gesamte Laufzeit begleiteten.
Was bleibt
Zwei Wochen Ausstellung, Begegnungen, Gespräche, Nachfragen, Betroffenheit und Austausch liegen hinter uns. Möglich wurde dieses Projekt nur, weil viele Menschen ihre Zeit, ihre Erfahrung, ihre Kontakte und ihre Energie eingebracht haben.
Unser besonderer Dank gilt allen, die #Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt unterstützt haben: den Mitwirkenden unseres Begleitprogramms, unseren Kooperationspartner:innen und Fördernden, den Schulen und Lehrkräften, den Menschen, die unsere Veranstaltungen besucht und weiterempfohlen haben – und nicht zuletzt uns, den vielen Frauen der OMAS GEGEN RECHTS Darmstadt, die geplant, organisiert, aufgebaut, informiert, begleitet, zugehört, diskutiert und Verantwortung übernommen haben.
Was in diesen Wochen entstanden ist, lässt sich nicht nur in Besucherzahlen messen. Entscheidend waren auch die Gespräche, die persönlichen Rückmeldungen und die vielen Gedanken, die Menschen mitgenommen oder auf unserer Kommentarstele hinterlassen haben. Sie zeigen: Das Thema berührt – und es braucht Räume, in denen darüber gesprochen werden kann.
Mit dem Ende der Ausstellung ist das Thema jedoch nicht beendet.
Patriarchale und geschlechtsspezifische Gewalt wird nicht dadurch kleiner, dass eine Ausstellung abgebaut wird. Es braucht weiterhin Aufmerksamkeit für die Erfahrungen Betroffener, verlässliche Unterstützung und Schutz, Prävention und Bildung – und eine öffentliche Debatte, die Gewalt gegen Frauen nicht als privates Einzelproblem behandelt.
Sichtbarkeit ist dabei ein wichtiger Anfang. Sie entsteht, wenn wir darüber sprechen, wenn Medien berichten, wenn Schulen das Thema aufgreifen, wenn Kultur und Bildung Räume dafür schaffen und wenn Menschen widersprechen, sobald Gewalt verharmlost, Betroffenen Verantwortung zugeschoben oder Ungleichheit als selbstverständlich hingenommen wird.
Für uns bedeutet #Hinschauen deshalb auch: weiter hinschauen.
Weiter zuhören.
Weiter Fragen stellen.
Weiter sichtbar machen.
Und weiter dafür eintreten, dass Frauen und Mädchen frei von Gewalt leben können.
Allen, die uns auf diesem Weg begleitet haben: Danke.