Mit einer Lesung der Berliner Familienrechtsanwältin Asha Hedayati ist das Projekt „#Hinschauen. Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“ am Montag zu Ende gegangen.


Die Ausstellung „Was ich anhatte“ war ein großer Erfolg: Rund 1.800 Besucherinnen und Besucher zeigten sich an insgesamt 13 Tagen sichtlich berührt von der Thematik. Besonders das Gästebuch und eine interaktive Stele luden zum Innehalten ein – auf bunten Zetteln hielten viele ihre Gedanken und Gefühle fest. Zahlreiche Rückmeldungen brachten Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass das Thema damit stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde.
„Du bist nicht dran schuld!“
„Entsetzen, Traurigkeit, Wut“ oder „Unbändiger Zorn“ war zu lesen, aber auch Bewunderung für jene, die den Mut gefunden hatten, ihre Geschichte zu teilen. Häufig stand dort „Du bist nicht allein“, ebenso die Forderung: „Abgrenzung muss schon in der Schule thematisiert werden.“ Auch persönliche Erfahrungen wurden geteilt – eine Besucherin notierte: „Zu meiner Zeit, als ich zum Sex gezwungen und geschlagen wurde, hieß es von der Polizei: ‚Sie führen ein eheähnliches Verhältnis, da können wir nichts machen.‘“
Missstände im System
Dass Staat, Polizei und Justiz noch immer häufiger wegschauen als hinsehen, machte die Berliner Familienrechtsanwältin Asha Hedayati bei der Finissage im gut besuchten Justus-Liebig-Haus deutlich. Sie las aus ihrem Buch „Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt“ und benannte verschiedene Missstände im System: Zum einen die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Frauen, die ihnen die Trennung von einem gewalttätigen Partner erschwere. Die sogenannte Täter-Opfer-Umkehr zeigt ein erschreckendes Muster: Frauen sollten sich anpassen, so Hedayati – die Gesellschaft verlange noch immer demütiges Verhalten: „Erst wenn das Opfer tot ist, unterliegt es nicht mehr der Bewertung und Verurteilung. Erst dann hören Gesellschaft und staatliche Institutionen auf, sich zu fragen, was sie, das Opfer, wohl falsch gemacht haben könnte, dass sie Gewalt erfahren hat.“



Vor dem Familiengericht
Selbst in Gewaltschutzverfahren, so Hedayati, habe sie erlebt, dass eine Richterin einen eindeutigen Fall zunächst als „trennungsüblichen Konflikt“ abtun wollte – die Sachlage habe sie letztlich jedoch dazu gezwungen, ein Näherungsverbot auszusprechen.
Ein großes Problem bei Familiengerichten sei nämlich, dass in vielen Verfahren die RichterInnen Gewalt gegenüber der Frau als nicht ausreichend ansähen, um den Vätern das Umgangsrecht zu entziehen. Ein schlechter Partner könne doch trotzdem ein guter Vater sein, so eine häufige Argumentation. Doch die Familienrechtsanwältin beobachtet auch, dass Gewalt oft von Generation zu Generation weitergegeben werde: „Dem Täter werden durch die Institution keine Grenzen gesetzt. Dadurch reproduziert das System patriarchalische Strukturen.“
Diese Strukturen müssten sich ändern: Gesellschaft und Staat schafften nach wie vor Raum für Gewalt – „mit Sexismus, misogynen Mythen, Täter-Opfer-Umkehr, mit Strukturen, die wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen.“
Die Lesung bildete einen würdigen Abschluss des Projekts, das in Kooperation von Omas gegen Rechts Darmstadt, pro familia und dem Frauenbüro der Wissenschaftsstadt Darmstadt organisiert wurde.
Pro familia bot Führungen durch die Ausstellung an, die sowohl von Schulklassen als auch von anderen interessierten Besucherinnen und Besuchern genutzt wurden. Möglich wurde der Erfolg des Projekts nicht zuletzt durch 35 ehrenamtliche Frauen, die in 70 Schichten dafür sorgten, dass so viele Menschen die Ausstellung besuchen konnten.
Im Mittelpunkt stand die Wanderausstellung „Was ich anhatte“ (Kuratorin: Beatrix Wilmes). Die Frage „Was hattest du an?“ wird Betroffenen sexualisierter Gewalt bis heute gestellt – dabei verschiebt sie die Verantwortung vom Täter auf die betroffene Person. Kleidung, Verhalten oder äußere Umstände stehen in keinerlei Zusammenhang mit der Ausübung sexualisierter Gewalt.
Begleitet wurde die Ausstellung von Hintergrundinformationen und Hilfsangeboten des Frauenbüros der Wissenschaftsstadt Darmstadt sowie von pro familia. Im Rahmen des Projekts zeigte zudem das Rex-Kino den Film „Luchadoras“, der Femizide sowie deren patriarchale und strukturelle Ursachen beleuchtet. Ein anschließendes Filmgespräch ordnete die Inhalte ein und vertiefte sie.