OMAS GEGEN RECHTS
Darmstadt
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Grußwort von Dr. Erik Sparn-Wolf zur Vernissage

24.8. 2026, Foyer Justus-Liebig-Haus

 Man mag doch gar nicht hinschauen… 

Und doch müssen wir hinschauen, müssen wir uns dem Schrecken dieser Ausstellung und der Verbrechen stellen, die sie zeigt. 

Aber warum eigentlich? 

Weil es hier nicht um irgendwelche Verbrechen geht. 

Und es hat auch nichts mit Sensationslust zu tun, was und wie uns diese Ausstellung ansprechen soll. 

Das hier ist kein True Crime – das ist real shit! Denn diese Verbrechen sind keine Katastrophen. Es sind keine schrecklichen, aber doch zufälligen oder willkürlichen, Ereignissen. 

Nein, diese Verbrechen sind systematische, strukturelle Phänomene. Extreme Ereignisse vielleicht, aber auch erschreckend normal und alltäglich, denn sie sind die Spitze einer systematischen Ungleichbehandlung und Unterdrückung, 

einer Unterdrückung, die unsere Gesellschaft insgesamt und jeden einzelnen Menschen prägt: 

Des Patriarchats. 

Aber was ist das eigentlich, das „Patriarchat“, dieser für manche sicher etwas ungewohnte Begriff? Was ist das und vor allem wo ist es; 

in uns, in mir, zwischen uns und allen Teilen unserer Gesellschaft? – 

Und die Antwort lautet leider: Überall! 

In jeder sozialen Beziehung, in jeder Sozialisierung, in allen Teilen unserer Gemeinschaft. 

So verbreitet, wie der Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht, und so subversiv, dass wir nur allzu gerne diese Täuschung annehmen. 

Eröffnungsrede zur Ausstellung "Was ich anhatte" im Justus Liebig Haus Darmstadt von Eric Spahn Wolf vom Paritätischen

Wir? 

Übersehen Sie das Patriarchat? 

Nein, diese Aussage kann nur für etwa die Hälfte unserer Gesellschaft überhaupt gelten; denn keine Frau kann die Männerherrschaft übersehen, die uns alle prägt und ihr Leben beschränkt. 

Eine solche Ignoranz muss man sich leisten können, man muss buchstäblich dazu geboren sein. 

Als ich mich mit den Organisator*innen dieser Ausstellung in Darmstadt erstmals getroffen habe, um über das Projekt zu sprechen, haben wir eine Frage diskutiert, die ganz grundlegend ist für das Verständnis, wie dieser Wahnsinn eigentlich möglich ist: 

„Ist jede Gewalt von Männern gegen Frauen patriarchale Gewalt?“ 

Und die einfache Antwort lautet: „Ja.“ 

Weil jeder soziale Kontakt zwischen uns in einer Gesellschaft stattfindet, die die Geschlechter ungleich behandelt und Frauen systematisch unterdrückt; 

In der Jungen früh lernen, Ihre eigenen Bedürfnisse zu kennen und klar zu formulieren und Mädchen viel häufiger, auf die der anderen zu achten; 

In der Jungs lernen, sich durchzusetzen zu können – notfalls mit Aggression – und Mädchen lernen, notfalls besser den Mund zu halten. 

In der Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, von Gegnern als „Schlampe“ oder „Fotze“ beleidigt werden, während Männer oft eben „Arschlöcher“, „Verräter“ oder Ähnliches vielleicht sind, aber eben nicht aufgrund ihres Geschlechts beleidigt werden. 

Und in der Männer auf dem nächtlichen Heimweg laut sein können und manchmal so berauscht, dass Sie Ihren Heimweg vergessen oder ihre Schlüssel verlieren, 

während Frauen, diesen Schlüssel häufig gar nicht verlieren können, 

weil Sie ihn permanent in der Hand halten, um ihn im Notfall als Schlagwaffe zur Verteidigung nutzen zu können, während sie versuchen möglichst unauffällig und schnell heimzukommen und andere über Ihren Standort zu informieren, wenn sie denn überhaupt allein gehen. 

Frauen können sich im öffentlichen Raum nicht frei bewegen, wie wir Männer das ganz selbstverständlich tun! 

Und an dieser Stelle ist es wichtig eine Sache unmissverständlich zu machen: Es geht um MÄNNER; nicht um bestimmte Charaktere oder Gruppen. 

Natürlich ist es realitätsfremd, wenn man behauptet, dass Migration aus besonders patriarchischen Gesellschaften die Männerherrschaft und deren Wirkung im öffentlichen Raum hierzulange nicht verschärfen kann. 

Aber Unterdrückung und Gewalt von Männern gegen Frauen sind auch in Deutschland seit Jahrhunderten allgegenwärtige Phänomene, die sich durch alle gesellschaftlichen Schichten ziehen und vielfach strukturell und gesetzlich noch abgesichert werden: 

Ein kleines, bekanntes und dennoch eigentlich unfassbares Beispiel bietet das Strafrecht mit der Regelung ‚Nein heißt Nein‘. 

Vergewaltigung ist die einzige Art von Körperverletzung, bei der das Opfer erst ausdrücklich seine Ablehnung kundtun muss, damit diese strafbar ist! 

In jedem anderen Bereich, in dem der Körper verletzt wird, sei es beim Sport oder auch bei einer Operation, bedarf es der ausdrücklichen Zustimmung der Beteiligten, bei Vergewaltigung hingegen deren klar formulierter Ablehnung – das ist absurd und Ausdruck der tiefgreifenden Unterdrückung von Frauen und weiblich gelesenen Menschen. 

Es ist eigentlich unnötig hier zu erwähnen, dass 95% der Vergewaltiger männlich und 95% der Opfer weiblich sind… 

Aber auch das ist als Mahnung zu einfach! 

Denn es fällt uns und auch mir hier viel zu leicht, darüber zu sprechen. 

Viel zu häufig fällt es uns – uns Männern – leicht uns gegen die Unterdrückung von Frauen auszusprechen, 

wenn es etwa um diese unsägliche Formulierung des Strafrechts geht, 

aber auch wenn es um unfaire Löhne geht, 

oder eben, wie hier zu sehen, um Vergewaltigung und Verbrechen. 

Denn dann sprechen wir ja direkt wieder von ‚den Anderen‘. 

Schließlich bestimmen die wenigsten von uns selbst mit über das Strafrecht oder können Löhne festlegen. 

Und auch nur eine Minderheit der Männer ist wirklich gewalttätig und begeht diese schrecklichen Verbrechen. 

Dafür bin ich, ist die Mehrheit, also doch gar nicht verantwortlich… 

Doch! 

Denn wer Unrecht duldet, der stärkt es damit! 

(wie Willy Brandt einst schon erklärte) 

Wir lassen es zu, dass es solche Ausstellungen geben muss, weil wir es dulden, wenn Opfern von sexueller Gewalt eine Mitschuld gegeben wird. 

Wir dulden, dass Männer in Gruppen – real und digital – sexistische, entwertende Bilder und Parolen teilen. 

Wir dulden, dass Kinder mit toxischen Rollenbildern aufwachsen, in denen Frauen von Männern gerettet und erobert werden müssen. 

Wir dulden, dass Jungs ihren BodyCount feiern können, während Mädchen Angst vor SlutShaming haben. 

Und all das hat übrigens längst nicht nur Auswirkungen auf unser soziales Miteinander, sondern längst auch eine politische Dimension: 

Zwischen dem Wiedererstarken des Patriarchats, dem härter werdenden sozialen Klima und dem Aufstieg rechtspopulistischer Demokratiefeinde gibt es klare Wirkungsketten 

– und sie beginnen im Kinderzimmer… 

Wir erleben parallel das Erstarken problematischer, toxischer Rollenbilder unter jungen Menschen und gleichzeitig den Aufstieg rechter Parteien, deren Strukturen immer mehrheitlich von Männern gebildet und gewählt werden; 

Rechtspopulistischer, teilweise rechtsradikaler Parteien, deren Führungspersonen, auch wenn hier mal Frauen an der Spitze stehen, immer den gleichen Prinzipien folgen und immer den Gestus des klassischen Machos bedienen: 

immer laut, pöbelnd und kompromisslos. 

Und da sind wir auch bei den digitalen Medien, bei den Plattformen, die Millionen Kinder erreichen und über die gerade im Fahrwasser dieser rechten Strömungen so erfolgreich Ideen und Ideale von Stärke, Männlichkeit, Erfolg und Durchsetzungsfähigkeit propagiert werden. 

Während Eltern noch um – auch ihre eigene – Medienkompetenz ringen, finden so die Grundlagen von Patriarchat und damit verbunden Rechtspopulismus den Weg direkt zu unseren Kindern. 

Und darum müssen wir auch hier damit anfangen diese tiefgreifende Unterdrückung zu reflektieren, einzugestehen und aufzuzeigen, mit der das Patriarchat unsere Gesellschaft und uns alle prägt. 

Und dafür tragen wir alle und ganz besonders wir Männer die Verantwortung. Und dafür müssen wir uns, wie man so schön sagt, ehrlich machen und unsere Verantwortung annehmen: 

Nicht dafür, ein paar markige Worte zu verlieren; nicht für die Taten anderer oder auch Gesetze, die andere machen. 

Nein, niemand ist schuld daran, in einer patriarchalen Gesellschaft geboren zu sein. 

Aber wir tragen die Schuld daran, dass wird diese dulden. 

Für jedes Mal, wenn wir menschenverachtende Bilder und Kommentare unkommentiert stehenlassen, weil wir uns nicht streiten wollen; 

für jedes Mal, wenn wir zulassen, dass unsere Kinder mit toxischen Rollenbildern konfrontiert werden; 

und für jedes Mal, wenn wir nicht widersprechen, wenn solche Äußerungen passieren; 

Für jedes Mal, wenn wir wegschauen. 

…und wir schauen alle viel zu oft lieber weg. 

Und genau darum müssen wir Hinschauen! 

Dr. Erik Sparn-Wolf ist Regionalgeschäftsführer Südhessen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen, Regionalgeschäftsstelle Darmstadt.

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